Im Sommer 1989 begannen immer mehr Menschen ihr Land zu verlassen… das Land in dem sie aufgewachsen sind – die DDR.

Sie lassen alles hinter sich – ihre Familien, Freunde, ihre Arbeitsstelle und ihre Wohnung!!! Keiner von Ihnen wusste, wie das ganze ausgeht und ob er seine Liebsten in naher Zukunft wiedersehen wird.

Ich habe zu dieser Zeit in einer großen Klinik gearbeitet,in der Röntgenabteilung. Jeden Tag fehlten auf Arbeit mindestens ein bis zwei weitere Leute… es war sehr beängstigend morgens immer zu schauen wer nun nicht mehr kommt – je nachdem wie eng man Kontakt zu den jeweiligen Personen hatte wurden wir verhört … ob sich etwas angekündigt hatte, ob deren Verwandte eventuell etwas wussten.

Die ganze Situation war sehr beklemmend, zumal keiner wusste wie das alles noch weitergehen wird. Mein damaliger Mann hatte, als wir uns kennenlernten, bereits einen Ausreiseantrag in die BRD gestellt und diesen auf meinen Wunsch hin zurückgezogen.

Als sich dann 1989 herauskristallisierte, dass man über Ungarn den Weg in den Westen antreten konnte – und dies auf einigermaßen „normalem“ Wege – fragte er mich, ob wir auch über Ungarn flüchten wollen. Unser Sohn war 2 Jahre alt und ich wollte eigentlich nicht – da ich aber wusste , das sein Wunsch dies zu tun sehr stark war und er sagte dass er dies auch tun würde ohne mich, habe ich mich dann dazu entschlossen mit ihm zusammen das Visum zu beantragen.

Ich weiß noch, das ich sagte dass wir es davon abhängig machen ob wir dieses Visum bekommen oder nicht – denn ich war immer davon ausgegangen dass wir es nicht bekommen werden. Schließlich war ja der Ausreiseantrag von ihm immer noch aktenkundig … die Wochen vergingen (ich meine wir haben 6 Wochen gewartet wenn ich mich richtig erinnere) und ich weiß noch genau wie mein Mann dann plötzlich im Warteraum der Röntgenabteilung stand… es waren keine Patienten mehr da und er sagte er müsse mir was sagen und hat mir dann erzählt das unser Visum in den angeblichen Ungarn Urlaub genehmigt ist!!!

Da ich im Betrieb gar keinen Urlaubsanspruch mehr hatte, habe ich einen Haushaltstag (bekam man 1x im Monat als verheiratete Frau) beantragt, und zwar vor einem Wochenende – also sprich ich hatte am Freitag dann Haushaltstag und musste am Wochenende auch nicht arbeiten – diese Tage wollten wir dann nutzen, um in Richtung Ungarn loszufahren.

Ich sehe uns noch abends in der Wohnung die Köpfe zusammen zu stecken… wir haben immer ganz leise gesprochen, aus Angst es könnte jemand hören.

Es gab ja einiges zu organisieren – wir wollten auf jeden Fall die Dinge die sehr persönlich waren, an denen unsere Erinnerungen und unser Herz hängt, vorher in Sicherheit bringen. Also brachten wir Fotos,Unterlagen, Bücher und Hochzeitsgeschenke an den wir sehr hingen zu den Schwiegereltern. Wir hatten sie ein paar Tage vorher in unsere Pläne eingeweiht. Sie waren natürlich überhaupt nicht begeistert, zumal wir unseren Sohn ja bei der Flucht dabei hatten!!!

Den Rest der Wohnung haben wir zurückgelassen… ich erinnere mich noch sehr gut an dieses komische Gefühl. Wer wird da reingehen,wenn man merkt das wir weg sind … was passiert mit unseren Sachen und was mir am meisten auf dem Herzen lag: was passiert mit unseren Eltern, wenn feststeht das wir in die BRD geflohen sind ???

Morgens als wir aufbrachen sind wir nochmals zu den Schwiegereltern gefahren und haben uns endgültig verabschiedet. Bei meinen Eltern waren wir am Abend vorher – wir haben allerdings nur meinem Vater reinen Wein eingeschenkt und gesagt wohin uns unser Weg führen wird … und dabei immer darauf geachtet, dass es kein anderer mitbekommt! Wir haben ihm, unter seinem starkem Widerspruch, das Versprechen abgenommen dass er es meiner Mutter erst sagen wird, wenn er von mir das Zeichen bekommt dass wir in Sicherheit sind. Mir war klar, wenn sie davon wüsste dann würde sie es bei Polizei und Stasi melden… und für uns hätte dies gehießen das wir irgendwo festgesetzt werden und der Weg dann wahrscheinlich im Gefängnis geendet hätte . Um dies zu vermeiden, war es der einzige Weg sich nicht von meiner Mutter zu verabschieden.

Wie gesagt sind wir dann am nächsten Tag zu den Schwiegereltern gefahren, haben uns sehr tränenreich verabschiedet und sind dann mit unserem Sohn und einem vollgepackten Auto Richtung Tschechien gestartet.

Wir mussten an der Grenze fast unser ganzes Auto kontrollieren lassen – von mehreren Grenzbeamten, und ich wurde aufgefordert die mitgeführten Währungen zu sortieren und zu zählen … wir hatten natürlich Ostmark dabei, außerdem tschechische Kronen und ungarische Forint… all dies musste ich also zeigen und vorzählen … habe mich da ein paarmal verhaspelt, aber für die Grenzbeamten war alles ok und sie ließen uns passieren.

Was ihnen Gott sei Dank entgangen ist, waren die kanadischen Dollar – diese hatten wir für Notfälle im Inneren der Schuhe versteckt… falls unterwegs etwas außer der Reihe passiert und wir vielleicht eine harte Währung brauchen, um weiterzukommen.

Der Trabant rollte dann mit uns durch Tschechien . Nachts haben wir immer im Auto übernachtet und als wir dann kurz vor der ungarischen Grenze waren ging leider unser Auto kaputt… irgendetwas mit dem Keilriemen. Auf jeden Fall haben wir den noch versucht zu reparieren mit einer Strumpfhose, ganz klischeehaft wie man es kennt… das hat nur kurzfristig geholfen und der Plan oder vielmehr mein Gedanke war es dann, dass wir uns jetzt noch mal einen Parkplatz suchen um zu übernachten und am nächsten Tag nach Ungarn fahren. Mein Mann hat zum Glück drauf bestanden, dass wir trotz allem noch über die Grenze nach Ungarn einreisen und uns somit erstmal in ein sicheres Land begeben… denn Tschechien hat DDR-Bürger bei Verdacht auf Republikflucht festgenommen und auch ausgeliefert.

Da ich das Auto schieben musste sind wir dann so zur Grenze „gefahren“. Wir sind dann auch erst an einen falschen Grenzübergang gefahren bzw geschoben – der war nur für LKW´s. Also musste ich das Auto wieder zurück schieben und noch mal eine andere Straße entlang bis wir dann an dem richtigen Übergang waren… durch ganz viel Glück oder dadurch weil das Auto so laut war und sie gesehen haben dass ich es geschoben habe sind wir ohne viele Kontrollen durchgekommen und waren in Ungarn!!!

Um es vorweg zu nehmen, als ich ein paar Tage später mit meinem Vater telefonierte, habe ich erfahren dass wir nur ein paar Minuten über diesen Grenzübergang drüber waren – als ein Anruf an der Kontrollstelle ankam, mit dem Befehl uns festzusetzen … meine Mutter hatte tatsächlich gemeldet, das wir in die BRD flüchten wollen (Vati hatte es nicht mehr ausgehalten und sie morgens informiert ) und ist für ein bischen Anerkennung das Risiko eingegangen, dass wir im Gefängnis landen und uns unser Kind weggenommen wird. Es war Glück und Glück und Glück dass wir das geschafft haben.

Als wir, wie gesagt, dann in Ungarn waren haben wir uns ein kleines Hotel gesucht in dem wir übernachten konnten – und eine Autowerkstatt, die uns dann gegen die Dollar die wir dabei hatten, das Auto innerhalb von 2 Tagen reparierten.

Wir haben uns dann an dem Tag der dazwischen lag versucht zu regenerieren… sind mit unserem Sohn auf einen Markt gegangen, wo er das erste Mal verschiedenes Obst und Gemüse gesehen hat, was er überhaupt nicht kannte!

In der Bundesrepublik angekommen, waren wir zuerst in einem Aufnahmelager zum registrieren … dort konnte man sich dann entscheiden in welches Bundesland man weiter reisen möchte und wir hatten uns für Baden Württemberg entschieden. Wir wussten dass dort die Arbeitslosigkeit relativ gering war – so dass man also die Hoffnung hatte relativ zügig eine Arbeitsstelle zu bekommen. So sind wir dann über Zwischenstation in Karlsruhe nach Neckargemünd gekommen.

Diesen Weg zu gehen und alles aufzugeben – mit ungewisser Zukunft – war für tausende DDR-Bürger das Resultat eines Landes, das ihren Menschen sehr viel soziale Sicherheit gab – aber auf der anderen Seite die Meinungsfreiheit und Reisefreiheit stark einschränkte… ein Land, das es heute zu Recht nicht mehr gibt. Das Gefühl beim Mauerfall … dieses ungläubige Staunen, der rasende Puls, diese unbändige Freude ist sofort präsent,sobald dieses Wort „Mauerfall“ fällt … auch nach 30 Jahren noch.